Von Rochus-Marian Eder | Surgite!Coaching | Mai 2026
Lesezeit: ca. 7 Minuten

„Eine Zahl, die aufhorchen läßt.“
Das Deutsche Schulbarometer 2025/26 der Robert Bosch Stiftung hat es schwarz auf weiß bestätigt: Rund ein Drittel der Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren erlebt regelmäßig Mobbing durch Mitschülerinnen und Mitschüler. Bei den 14-Jährigen sind es sogar 38 Prozent. Und gleichzeitig zeigt jedes vierte Kind psychische Auffälligkeiten — erstmals seit dem Ende der Corona-Pandemie wieder steigend.
Diese Zahlen sind kein Hintergrundrauschen. Sie beschreiben den Alltag von Kindern und Jugendlichen in Deutschland — möglicherweise auch in Ihrer Familie, in Ihrer Nachbarschaft, in Ihrer Schulklasse.
Doch was passiert eigentlich genau, wenn ein junger Mensch regelmäßig gemobbt wird? Und warum hilft der gut gemeinte Rat „Sei einfach stark“ so wenig?
Die Antwort liegt im Gehirn.
Was Mobbing mit dem Nervensystem macht.
Mobbing ist für das Gehirn keine Kleinigkeit. Es ist eine ernsthafte, wiederkehrende Bedrohung — und unser Nervensystem reagiert darauf mit allem, was es hat.
Stellen Sie sich vor: Ein 13-jähriges Mädchen betritt jeden Morgen das Schulgebäude. Sie weiß nicht genau, was heute wieder passieren wird. Vielleicht wird sie in der Pause wieder ausgegrenzt. Vielleicht kursieren wieder Screenshots von ihr in der Klassengruppe. Vielleicht lachen sie wieder über sie.
Ihr Gehirn hat längst gelernt: Schule ist gefährlich.
Die Amygdala — unser emotionales Alarmsystem im Gehirn — schaltet in den Dauerbetrieb. Sie scannt die Umgebung permanent auf Bedrohung. Ist die Lehrerin gut drauf? Wie schaut meine Mitschülerin mich an? Was bedeutet dieses Flüstern?
Gleichzeitig wird das Stresshormon Cortisol in erhöhten Mengen ausgeschüttet. Der Körper ist in Alarmbereitschaft — auch dann, wenn gerade gar nichts passiert.
Und der präfrontale Kortex — der Teil unseres Gehirns, der für ruhiges Denken, Lernen, Planen und Problemlösen zuständig ist — wird in seiner Funktion massiv eingeschränkt.
Das Ergebnis: Das Kind kann sich nicht konzentrieren. Die Schulleistungen sinken. Das Selbstvertrauen bricht ein. Und das Nervensystem lernt eine gefährliche Lektion:
Ich bin nicht sicher. Ich bin nicht gut genug. Ich gehöre nicht dazu.
Warum diese Spuren bleiben.
Was viele unterschätzen: Diese neurobiologischen Muster verschwinden nicht einfach, wenn das Mobbing aufhört.
Das Gehirn ist ein Lernorgan. Es merkt sich, was gefährlich war — und bleibt in erhöhter Alarmbereitschaft, auch wenn die äußere Bedrohung längst vorbei ist.
Betroffene berichten Jahre später noch von Mustern, die sie selbst nicht verstehen:
– Sie fühlen sich in Gruppen unwohl — ohne zu wissen warum.
– Sie zweifeln ständig an sich — obwohl sie objektiv erfolgreich sind.
– Sie reagieren überempfindlich auf Kritik — und können sich das nicht erklären.
– Sie vermeiden soziale Situationen — weil ihr Nervensystem noch immer auf Gefahr programmiert ist.
Das ist kein Charakterfehler. Das ist Neurobiologie.
Das Nervensystem hat damals gelernt, sich zu schützen. Dieses Schutzprogramm läuft weiter — auch wenn es längst nicht mehr gebraucht wird.
Warum „einfach stark sein“ nicht funktioniert.
Wenn Eltern, Lehrer oder gut meinende Freunde sagen: „Lass das nicht an dich ran“, „Sei einfach stärker“ oder „Das wird schon wieder“ — dann meinen sie es gut.
Aber neurobiologisch greifen diese Ratschläge ins Leere.
Denn Stärke entsteht nicht durch Willenskraft allein. Stärke entsteht durch ein reguliertes Nervensystem.
Solange das Nervensystem im Alarmzustand ist, kann kein nachhaltiges Selbstvertrauen entstehen. Solange die Amygdala das Kommando hat, bleibt der Zugang zu den eigenen Ressourcen blockiert.
Verhalten folgt dem Zustand des Nervensystems — immer.
Das bedeutet: Der erste Schritt aus der Mobbingfalle ist nicht Motivation. Nicht positives Denken. Nicht „einfach stark sein.“
Der erste Schritt ist Sicherheit. Sicherheit im eigenen Nervensystem.
Erst wenn das Nervensystem Sicherheit erfährt, kann echte Veränderung entstehen.
Der Weg aus der Mobbingfalle — das NEMO-Modell.
In meiner Arbeit als neurowissenschaftlicher Coach begleite ich Menschen, die noch heute unter den Folgen von Mobbing leiden — oft Jahre oder Jahrzehnte nach den eigentlichen Erlebnissen.
Mein Ansatz basiert auf dem NEMO-Modell:
N — Nervensystem: Zuerst schauen wir, in welchem Zustand das Nervensystem ist. Ist es in Alarm? In Starre? In Erschöpfung? Dieser Schritt wird in vielen Coaching-Ansätzen übersprungen — und genau das ist der Unterschied.
E — Emotionen: Welche Emotionen sind noch gespeichert? Scham, Wut, Trauer, Hilflosigkeit — all das darf Raum bekommen. Nicht um darin zu versinken, sondern um es zu verarbeiten.
M — Mikroschritte: Veränderung entsteht nicht durch große Sprünge, sondern durch kleine, neurobiologisch verankerte Schritte. Jeder Mikroschritt sendet dem Nervensystem das Signal: Ich kann. Ich schaffe das.
O — Orientierung: Was will ich? Wohin gehe ich? Wenn das Nervensystem reguliert ist und die Emotionen Raum hatten, entsteht natürliche Klarheit über den eigenen Weg.
Für wen ist dieses Programm?
Mein Online-Coaching-Programm „Selbstwirksamkeit — Der Weg aus der Mobbingfalle“ richtet sich an Erwachsene, die:
– als Kind oder Jugendliche gemobbt wurden und noch heute spüren, dass etwas nicht stimmt
– sich in sozialen Situationen unsicher fühlen, ohne den Grund dafür zu verstehen
– unter chronischem Stress, Selbstzweifeln oder dem Gefühl leiden, nicht gut genug zu sein
– endlich verstehen möchten, was in ihrem Gehirn passiert ist — und wie sie dauerhaft herauskommen
Das Programm umfasst 5 Module mit 18 Lerneinheiten, die sequenziell aufeinander aufbauen. Es ist vollständig online verfügbar und kann im eigenen Tempo absolviert werden.
Mehr Informationen und Anmeldung:
Ein letzter Gedanke.
Wenn Sie diesen Artikel lesen und denken: „Das klingt wie meine Geschichte“ — dann möchte ich Ihnen eines sagen:
Was Ihnen damals passiert ist, war nicht Ihre Schuld. Und die Muster, die Sie heute noch spüren, sind kein Zeichen von Schwäche.
Sie sind das Ergebnis eines Nervensystems, das damals sein Bestes getan hat, um Sie zu schützen.
Jetzt ist es Zeit, diesem Nervensystem zu zeigen, dass es vorbei ist. Dass Sie sicher sind. Dass Sie stark sind — nicht weil Sie es erzwingen, sondern weil Sie es von innen heraus werden.
Sicherheit ist die Grundlage jeder Veränderung.
Über den Autor
Rochus-Marian Eder ist neurowissenschaftlicher Coach, Wirtschaftsmediator und Gründer der Surgite!Coaching Akademie in Weilheim. Sein Ansatz verbindet aktuelle Erkenntnisse der Neurobiologie mit praktischen Coaching-Werkzeugen — verständlich, alltagsnah und wirksam.
Web: www.surgite-coaching.de | Programm: www.surgite-coaching.de/selbstwirksamkeit-starken-ihr-weg-aus-der-mobbingfalle
Carpe diem — Surgite! | Rochus-Marian Eder | Surgite!Coaching Akademie, Weilheim
Rochus-Marian Eder
Verständnisbrückenbauer stressmanagement

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