
Die Zahlen liegen jetzt auf dem Tisch, und sie sind ernüchternd.
In der PISA-Studie 2026 erreichen 15-Jährige aus Deutschland in Naturwissenschaften 486 Punkte, im Lesen 465 Punkte und in Mathematik 464 Punkte.
Das sind die schwächsten Werte, die seit Beginn der PISA-Erhebungen vor 25 Jahren je gemessen wurden, schlechter noch als beim ersten „PISA-Schock“ damals. Rund ein Fünftel der Jugendlichen verfügt in keinem der drei Testbereiche über ausreichende Basiskompetenzen.
Besonders alarmierend: Der Zusammenhang zwischen sozioökonomischer Herkunft und Bildungserfolg ist so stark wie nie zuvor.
Nur 2 Prozent der Kinder aus benachteiligten Familien erreichen hohe Kompetenzstufen, bei privilegierten Familien sind es rund 25 Prozent. Bildungsforscher Samuel Greiff von der TUM spricht von einem eindeutigen Abwärtstrend über das gesamte letzte Jahrzehnt.
Jetzt folgt das, was nach jeder PISA-Studie folgt: der Ruf nach Reformen. Mehr Stunden, bessere Lehrpläne, digitale Endgeräte, kleinere Klassen. Alles nicht falsch. Aber alles setzt an der Oberfläche an, nicht an der Wurzel.
## Die Frage, die niemand stellt
Wir bringen Kindern seit Jahrzehnten bei, was sie lernen sollen: Bruchrechnung, Rechtschreibung, die Photosynthese. Aber wir bringen ihnen nicht bei, wie Lernen im eigenen Kopf überhaupt funktioniert. Ein Kind sitzt fünf Stunden am Tag in der Schule und weiß nicht, warum es sich vor der Matheklausur die Hände nicht mehr richtig bewegen kann, warum es abends alles im Kopf hat und am nächsten Morgen wie leergefegt vor dem Blatt sitzt, warum manche Klassenkameraden scheinbar mühelos behalten, was für einen selbst nach drei Wiederholungen nicht sitzen will.
Diese Kinder lernen nicht zu wenig. Sie lernen ohne zu wissen, wie ihr eigenes Werkzeug funktioniert.
## Was Gehirnforschung als Schulfach leisten könnte
Ich schlage vor: Gehirnforschung als eigenständiges Fach ab Klasse 5, verpflichtend an Gymnasien und Realschulen. Nicht als Wahlfach, nicht als Projekttag, sondern regulär im Stundenplan, mit derselben Selbstverständlichkeit wie Biologie oder Physik.
Drei Dinge würde dieses Fach vermitteln:
**Wie das Gehirn beim Lernen arbeitet.
** Was passiert biochemisch, wenn Dopamin, Cortisol oder Adrenalin ausgeschüttet werden. Warum das Gehirn neue Informationen leichter aufnimmt, wenn sie an Bestehendes andocken können. Warum Wiederholung in Abständen wirksamer ist als stundenlanges Pauken am Vorabend. Das ist keine akademische Spielerei, das ist angewandte Neurowissenschaft, die jedes Kind sofort im eigenen Alltag nutzen kann.
**Wie Prüfungsangst entsteht und wie man sie auflöst.
** Prüfungsangst ist keine Charakterschwäche, sie ist eine neurobiologisch erklärbare Stressreaktion. Der Körper schaltet in einen Alarmzustand, das limbische System übernimmt, der präfrontale Kortex, der eigentlich für logisches Denken und Abrufen von Wissen zuständig ist, wird heruntergefahren. Ein Kind, das versteht, warum ihm in der Klausur plötzlich „nichts mehr einfällt“, kann diesen Mechanismus gezielt regulieren, statt sich Jahr für Jahr für eigenes vermeintliches Versagen zu schämen.
**Wie man mit dem eigenen Nervensystem arbeitet statt gegen es.** Orientierung im eigenen Körper, kleine wirksame Schritte statt Überforderung, das Verstehen der eigenen emotionalen Reaktionen. Wer diese Grundlagen früh lernt, trägt sie ein Leben lang bei sich, weit über die Schulzeit hinaus.
## Warum das mehr ist als eine gute Idee
Die PISA-Zahlen zeigen ein System, das seit zehn Jahren schwächer wird, trotz aller bisherigen Reformversuche. Das spricht dafür, dass wir nicht nur an den Lehrplänen drehen müssen, sondern an einer fehlenden Grundlage darunter: dem Wissen darüber, wie Lernen selbst funktioniert. Ökonom Ludger Wößmann vom ifo-Institut hat errechnet, welchen volkswirtschaftlichen Effekt bessere Bildungsleistungen über Jahrzehnte haben können. Doch bessere Leistungen entstehen nicht allein durch mehr Stoff, sondern durch Kinder, die verstehen, wie sie sich Stoff überhaupt aneignen.
Gerade der enge Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg, den PISA 2026 so deutlich zeigt, spricht zusätzlich dafür. Wissen über die eigene Selbstregulation, über Lernstrategien und Stressbewältigung ist heute oft eine Frage des Elternhauses, wer es sich leisten kann oder wessen Eltern selbst darüber Bescheid wissen, gibt es weiter. Ein Schulfach würde dieses Wissen für alle Kinder gleichermaßen zugänglich machen, unabhängig vom Geldbeutel oder Bildungsgrad der Eltern.
## Ein Fach, kein Add-on
Man könnte einwenden, das gehöre doch längst in Biologie oder Ethik. Genau das ist das Problem. Wenn ein Thema überall ein bisschen mitläuft, findet es nirgends wirklich statt. Gehirnforschung als eigenes Fach würde bedeuten: eigene Stunden, eigene Lehrkräfte mit entsprechender Fortbildung, ein Curriculum, das von Klasse 5 bis zum Abschluss mitwächst, von den Grundlagen bis zu echten Selbstregulationskompetenzen in der Oberstufe, wenn der Druck durch Abschlussprüfungen am größten ist.
Die aktuelle PISA-Studie liefert den Anlass, aber die eigentliche Begründung liegt tiefer: Wir erwarten von jungen Menschen Höchstleistungen mit einem Werkzeug, dessen Funktionsweise wir ihnen nie erklärt haben. Das zu ändern, kostet keine zusätzlichen Milliarden für neue Gebäude oder Geräte. Es kostet den Mut, ein Fach im Stundenplan zu verankern, das jungen Menschen genau das gibt, was sie in einer immer komplexeren Welt am dringendsten brauchen: das Verständnis für ihr eigenes Gehirn.
Ein erster Schritt, den es schon gibt
Bis ein solches Schulfach tatsächlich in den Lehrplänen ankommt, müssen Kinder und Jugendliche nicht warten. Für die Altersgruppe von 11 bis 15 Jahren gibt es bereits das Surgite! Comic Malbuch, das genau an diesem Punkt ansetzt:
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Herzliche Grüße
Rochus-Marian Eder
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